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Die wahrscheinlich grösste Datumslupe der Welt
Die einzigartige Geschichte der Rolex Deep-Sea Special

Hinweis: Den Artikel zur 2008 lancierten Rolex Sea-Dweller Deepsea finden Sie hier.

Am 29. Februar 1952 wandte sich der Uhrenhersteller Rolex mit einem ganz besondern Gesuch an den damals bereits weltberühmten Schweizer Physik-Professor Auguste Piccard: Man wollte ihm auf seinen bevorstehenden Tieftauchversuchen mit der Trieste eine Uhr zur Seite stellen, die - an der Aussenwand des Bathyscaphen befestigt – wohl beweisen sollte, dass für eine Oyster keine Herausforderung zu gross war, wenn es um deren legendäre Dichtigkeit ging. Der Beweis wurde erbracht: Die abgebildete Uhr ist die erste und einzige Uhr, die jemals auf die tatsächliche Tiefe von 10916 Meter gekommen ist.

Selbstverständlich dürfte (nebst Vergrösserung des Firmen-eigenen Entwicklungs-Know-hows sowie der erwarteten verkaufsfördernden Rekordfahrt) die bevorstehende Lancierung der ersten Taucheruhr, der Rolex Submariner (Ref. 6204) im Jahr 1953, eine nicht zu unterschätzende Motivation bei diesem technischen und finanziellen Wagnis verkörpert haben, obwohl die gelegentlich auch als "Deep-Sea Special" bezeichnete Uhr erst 1954 an der Basler Uhren- und Schmuckmesse öffentlich ausgestellt wurde.

Die Entwickler bei Rolex gingen ursprünglich von der Annahme aus, die Uhr müsse kugelförmig (mit geschätzten 40 mm Durchmesser) konstruiert sein, um die Torturen möglichst unbeschadet zu überstehen. Es entstand jedoch (abgesehen vom Glas) eine eher traditionelle Uhr, welche in erster Instanz durch die Zürcher ETH auf deren Druckfestigkeit geprüft wurde.

Die Versuche verliefen erfolgreich, und am 30. September 1953 war es so weit: Vor der Insel Ponza im tyrrhenischen Meer unternahmen sowohl die Trieste als auch die an der Aussenhülle befestigte Rolex (mittlerweile getestet bis 600 Atm.) ihren ersten Tauchgang auf eine Rekordtiefe von 3150 Meter. An Bord waren sowohl Auguste Piccard als auch sein Sohn Jacques. (Anmerkung: Eine einmalige Steigerung, hält man sich vor Augen, dass der erste Tauchgang mit dem selbst entwickelten Bathyscaphen das Duo noch in eine Tiefe von 8 Meter geführt hatte. Der zweite Tauchgang endete in 11, der dritte in 40 Meter Tiefe. Dann ging es direkt auf 1000 Meter runter.)

Am 8. Oktober erhielt Rolex das denkwürdige Telegramm von Piccard, welches den glücklichen Ausgang des Experiments mit den Worten „Votre montre a parfaitement résisté à 3150 m“ (Ihre Uhr hat 3150 Meter perfekt widerstanden) bestätigte.

Der grösste Erfolg sollte jedoch noch rund 7 Jahre auf sich warten lassen: Am 23. Januar 1960 nämlich tauchten Jacques Piccard (damals 37) und Don Walsh (mit 28 Jahren Leutnant und erfahrener U-Boot-Fahrer der Navy) im Pazifischen Ozean auf die Rekordtiefe von 10916 Meter im Marianengraben, der sogenannten Challenger-Tiefe ab - und stiessen dadurch zu einer der tiefsten bekannten Stellen der Weltmeere vor.

Anmerkung: Die Navy hatte das ungewöhnliche Gefährt zwischenzeitlich für ihre eigenen Tiefsee-Experimente gekauft, was die Begleitung durch Walsh erklärt (aus diesem Anlass wurde er übrigens kurzzeitig mit dem Titel 'COMBATHPAC - Commander of Bathyscaphe, Pacific' bedacht). Piccard selbst wurde nur wenige Tage vor der Fahrt als Teilnehmer bestätigt, nachdem die Navy ursprünglich Walsh und den wissenschaftlichen Direktor des auf den Namen Nekton getauften Projektes, Andreas B. Rechnitzer, vorgesehen hatte.

Der Abstieg dauerte 4 Stunden und 43 Minuten, um 13.10 Uhr setzte die Trieste sanft am Boden auf. Die beiden Pioniere schüttelten sich die Hände, Jacques Piccard rollte eine Schweizer Flagge aus und Don Walsh tat es ihm mit einer (bedeutend kleineren) amerikanischen nach.

Der Aufenthalt nahe am Grund fiel jedoch kürzer aus als geplant: Nach 20 anstelle von 30 Minuten entschied man sich für einen möglichst raschen Aufstieg, nachdem sich in einem der Bullaugen beunruhigende Risse gebildet hatten.

Walsh und Piccard erreichten nach 3 Stunden und 32 Minuten wieder die Wasseroberfläche. Und mit ihnen auch die die Rolex, die soeben erfolgreich einen Druck von 1150 Atm. ausgehalten hatte. 

Aber das dürfte wohl die kleinster aller Überraschungen gewesen sein, denn der Pioniertat waren schliesslich schon einige nicht minder spektakuläre Tauchversuche vorangegangen, z.B. auf 5500 Meter (November 1959) und 7000 Meter, bei welchen die Rolex ebenfalls schon erfolgreich zum Einsatz kam. (Viel bedeutsamer dürfte selbstverständlich der damit erbrachte Beweis gewesen sein, dass sich in dieser Tiefe noch Leben finden liess, aber hier geht's ja in erster Linie um die Uhr.)

Einen Tag nach dem Rekord-Tauchgang im Pazifischen Ozean erhielt Rolex das wahrscheinlich heiss erwartete Telegramm mit den Worten „Content vous annoncer votre montre aussi précise a onze milles metres quen surface - Meilleures Salutations Jacques Piccard“ (Freue mich, Ihnen anzukündigen, dass Ihre Uhr auch in elftausend Meter so präzis ist, wie an der Oberfläche…).

Damit endete zwar die aktive Karriere der Ausnahme-Uhr, nicht aber deren Funktion als Botschafterin: beispielsweise wurde die Uhr im Schweizer Pavillon an der Messe Tokyo im Jahr 1967 nebst Everest-Explorer und Gemini-Speedmaster im Sektor "Tradition und Forschung" gezeigt. Und bis heute trifft man die Uhr in Ausstellungen an, darunter im MIH in La-Chaux-de-Fonds (2003), für die Fondation de la Haute Horlogerie (bspw. am Salon QP im 2013) oder permanent im Museum von Beyer.

Insgesamt wurden vermutlich zehn Modelle für den "Ernstfall" hergestellt, wobei jedoch unklar bleibt, wie viele zusätzliche Uhren als Nachbauten für ausgewählte Konzessionäre abgegeben wurden (was die Existenz des hier gezeigten Modells in Bi-Color erklären könnte, nachdem für das Experiment eigentlich ein Stahlmodell verwendet wurde). Somit ist ebenfalls unbekannt, ob es beim hier anfangs gezeigten Exemplar (ein Exponat des Internationalen Uhrenmuseum in La-Chaux-de-Fonds) um eines der zehn vermuteten Exemplare handelt.

Zählt man hingegen weitere, zum Teil leicht unterschiedlich konstruierte Exemplare (Höhe des Glases variiert bspw.) in Museen dazu, darunter zumindest zeitweise das MIH mit der Nummer 1 (siehe Abbildung), Beyer (siehe untere Abbildungen rechts) und das Smithsonian Institute (welches nebst Tauchboot evtl. auch das wahrhaftige 10916 Meter Modell beherbergen könnte), die Versuchsmodelle der einzelnen Tauchgänge sowie zwei bisher in Auktionen aufgetauchte Stücke (darunter eines, das mit der Nummer 35 gekennzeichnet ist), bleibt die tatsächliche Anzahl Uhren wohl für immer ein Geheimnis. - Sollte jedoch beim einen oder anderen Leser überraschend noch eine auftauchen: Mit über 300000 DM resp. 60000 Pfund Auktionserlös könnte schon jetzt der Champagner kühl gestellt werden.

Aber zurück auf den Boden der Realität: Jacques Piccard und Don Walsh sollten die ersten und bis zum Zeitpunkt dieses Artikels auch letzten Personen gewesen sein, die eine Tauchfahrt in diese Tiefe unternahmen. Es gibt derzeit kein einziges U-Boot, das in diese Tiefen vorstossen könnte. Und notabene auch keine vergleichbare Uhr.

 

UPDATE (03/2012): Neun Jahre nach der Veröffentlichung dieses Artikels sieht alles wieder etwas anders aus, aber zumindest ein Rekord konnte quasi im Haus behalten werden: Erneut konnte Rolex mit der 51.4 mm grossen und 28.5 mm hohen Rolex Deepsea Challenge eine Sonderanfertigung vorweisen, die bis 12000 Meter wasserdicht bleibt. Sie wurde am 26. März 2012 am Roboterarm des Tauchbootes Deepsea Challenger (gesteuert von Hollywoods Regie-Legende James Cameron) auf die tatsächliche Tiefe von 10898 Metern versenkt. 

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Der Querschnitt zeigt auf, wie gewaltig die Uhr konzipiert wurde, um maximale Tiefen zu überstehen (c) Bildmaterial s/w: vermutlich Rolex

Die Zeitmessung wurde angesichts dieses Glases zur Nebensache (im Hintergrund zu sehen: Das Telegramm an Rolex).

Das oben gezeigte Modell war ein Exponat im MIH anlässlich einer Sonderausstellung zur wasserdichten Uhr im Jahr 2003.

Die Rückseite des selben Modells zeigt Datum, erreichte Tiefe und Nummerierung.

Ein Nachbau der Trieste ist im Verkehrshaus Luzern zu finden...

...eine Nachbildung des Bathyscaphen im Deutschen Museum München.

Mitsamt der installierten Zeitmessgeräte von Longines und Movado.

 

Ein weiteres Exemplar der Rekord-Uhr ist im Uhrenmuseum Beyer in Zürich zu finden. Es handelt sich hierbei um die Nummer 36, die im Jahr 1995 ihren Weg an die Bahnhofstrasse fand:

Auch dieser Nachbau ist bicolor ausgeführt.
 
 

 
 

PAGE INFO
Year of first Publication: 2003

RECOMMENDED LINK
Rolex Sea-Dweller Deepsea


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