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...und das Biest
Rolex Oyster Perpetual Sea-Dweller DEEPSEA (Ref. 116660)
Hätte man vor knapp einem Jahr die
Aufenthaltszeit gemessen, die Besucher an der Baselworld 2008 vor der
Vitrine der Deepsea verbrachten, oder hätte man die durchaus
kontroversen Blog-Posts über die Uhr gezählt, die Forenbeiträge,
Suchabfragen oder ganz einfach die veröffentlichten Pressemitteilungen
zu Rolex' neuem Taucheruhren-Flaggschiff ausgewertet, so würde es
vermutlich nicht überraschen, wenn die Sea-Dweller Deepsea statistisch
belegbar allen anderen Neuheiten die Show gestohlen hätte.
Aber auch ohne
wasserdichte Beweise ist es
nicht vom Handgelenk zu weisen, dass nur wenige andere Uhrenneuheiten
dermassen viel (spürbare) Resonanz im Jahr 2008 hervorzurufen
vermochten, wie das neue Tauchgewicht aus Genf - ein Interesse, das
selbst ausserhalb der rein Uhren-fokussierten Szene noch zu registrieren
war.
Was also war passiert?
Gefangen in der eigenen Historie
Während Rolex die ersten Jahrzehnte seiner Firmengeschichte stark unter
den Titel „Innovation“ stellte, lassen sich die letzten Jahrzehnte wohl
eher mit den Stichworten „Konservierung der eigenen Tradition“
zusammenfassen. Warum, liegt auf der Hand: Rolex‘ Leistungsausweis war
und ist gigantisch: Beispielsweise als Pionier in der Entwicklung der
wasserdichten Uhr, des automatischen Aufzugs, als Mitbegründer der bis
heute gültigen Charakteristik der Taucheruhr oder als Erbauer einer bis
heute ungeschlagenen Rekorduhr,
die höchstpersönlich an die tiefste Stelle der Erde getaucht war, gab es
für Rolex wahrlich wenig Gründe, eine Hektik bei der Modell-Evolution an
den Tag zu legen.
Beschränkt man sich nur schon auf den
Taucheruhren-Bereich, hat Rolex genau das erreicht, wovon andere
Hersteller bis heute mehrheitlich träumen: Man hatte nicht nur alle
Rekorde gebrochen, sondern seit über 50 Jahren schlicht und ergreifend das
„perfekte“ Produkt im Angebot. Eine Ikone also, die eine praktisch
einmalige Akzeptanz bei Profis, Amateuren und Luxus-Schwimmern
gleichermassen genoss und geniesst.
Mit anderen Worten: Einerseits bestand
kein wirklicher Grund, etwas zu verändern, was grundsätzlich bereits
perfekt zu sein schien. Und somit barg der Ausbruch aus der eigenen Tradition
andrerseits wohl stets mehr Risiken als Chancen. Denn nicht nur für
Sammler der Marke bedeutete die (vielerorts schmerzlich vermisste) fast schon stoische
Konstanz in der Modellpflege eine wunderbare Adresse für
Verlässlichkeit.
Evolutionstheorie
Selbstverständlich wurden auch die Rolex-Taucheruhren-Modelle laufend
verändert; aber im Vergleich zu anderen Herstellern stets so dezent, dass es dem durchschnittlichen Kunden
vermutlich nicht einmal auffiel: 1954 beispielsweise, ein Jahr nach
Lancierung der Submariner, wuchs die Wasserdichtheit von 100 auf 200
Meter an. 1959 folgte dann ein auf 40mm vergrössertes Gehäuse; und - um
auch noch die Geschichte des hier
vorgestellten Modells kurz anzureissen - um 1967
erschien mit dem optisch sehr ähnlichen Schwestermodell die „Sea-Dweller“,
eine Taucheruhr mit Heliumventil, speziell geschaffen für die zunehmend
professionalisierte Tauchindustrie.
Auch bei diesem Modell
waren die Weiterentwicklungen eher konservativ geprägt: Ein paar Jahrzehnte später
erhielt die Sea-Dweller um 1980 endlich eine Wasserdichtheit von über
1000 Meter (die erste bis zu dieser Tiefe dichte Uhr wurde übrigens
schon um 1963/64 lanciert). Danach folgten so bahnbrechende Neuheiten
wie beispielsweise die fehlenden Bohrungen an den Bandanstössen oder
Gravuren auf dem Rehaut, während
bei der Konkurrenz schon längst mehr oder weniger sinnvolle
Hightech-Lösungen auf der ganzen Linie Einzug gehalten hatten.
Selbstverständlich war und ist die
etwas in die Jahre gekommene
Sea-Dweller (und auch die Submariner) ein höchst zuverlässiges
Produkt für den Einsatz im Wasser, aber man kam und kommt nicht umhin
festzustellen, dass nicht mehr alle Detaillösungen auf der Höhe der Zeit
waren respektive eben sind.
Oder um einen ziemlich Arten-fremden
Vergleich zu bemühen: So wie gewisse englische Geländewagen oder
Wachsjacken, amerikanische Benzinfeuerzeuge oder Mundspülungen oder auch
gewisse deutsche Brotaufstrich-Gläser nicht unbedingt als „State of the
Art“ resp. als nicht mehr auf der Höhe der Zeit gelten können, so ist der
Mythos und die Qualität des entsprechenden Produktes doch gross genug, um als Konsument
mit dem Gebotenen in der Regel mehr als zufrieden zu sein. Im Prinzip
ähnlich verhält es sich mit der
Sea-Dweller; und es gab ja auch stets die passende Erklärung, weshalb
beispielsweise ein hohles Bandmittelglied eigentlich höchst sinnvoll und
eine Alu-Drehringeinlage ungemein praktisch waren.
Revolutionsführer
Was nun im Jahr 2008 relativ unerwartet der Öffentlichkeit präsentiert
wurde, hat damit aber herzlich wenig zu tun: Mit einem mehr als
bewundernswerten Erneuerungswillen hatte sich Rolex in aller
Verschwiegenheit aufgemacht, einerseits mit allem aufzuräumen, was
bislang im eigenen Taucheruhren-Segment verfügbar war, ohne andrerseits die
eigenen Wurzeln aus den Augen zu verlieren. Soviel vorneweg: Die
eigentlich unlösbare Aufgabe wurde mit Bravour gelöst.
Sie verlangte von den Konstrukteuren
aber zuerst eine Abkehr vom Bestehenden: Die Rolex Oyster
Perpetual Sea-Dweller Deepsea hat mit ihrer
kleinen Schwester eigentlich
nichts und doch eben alles gemein:
Die Reinkarnation
Der neue Namenszusatz, die längere Referenz-Nummer (aktuell 116660), der
von 40 auf 43mm angewachsene Durchmesser, die um 3.16mm gesteigerte
Bauhöhe, 70g mehr Kampfgewicht, das massive Band mit neuer
Schliesse, die vergrösserten Weissgold-Indexe und -Zeiger, das dickere
Saphirglas, die Keramik-Einlage, die massiv gesteigerte
Wasserdichtheit auf 3900 Meter oder auch der höhere Verkaufspreis listen
die augenscheinlichsten Unterschiede zwar auf, zeichnen aber dennoch ein
unvollständiges Bild von dem, was sich tatsächlich geändert hat:
Die Deepsea ist mit der Sea-Dweller
nur noch oberflächlich zu vergleichen. Es handelt sich schlichtweg um eine
völlige Neukonstruktion und zum Teil auch Neu-Interpretation des Themas:
Ringlock, Triplock, Glidelock & Co.
An erster Stelle bei der Entwicklung einer Taucheruhr stand und steht
die zuverlässige Abdichtung des Werks (und somit der Funktion) vor
Wasser. Rolex‘ Konzept von Gewindeboden und verschraubbarer Krone unter
dem Namen „Oyster“ war schon relativ früh in der Lage, diese Aufgabe
zuverlässig und glaubhaft zu meistern. Und im Prinzip hat sich diese
Bauweise in all den Jahrzehnten kaum verändert: Oben ein Glas, in der Mitte
das Gehäuse, unten der Boden, wahlweise auch fest als Monobloc mit dem
Gehäusemittelteil verbunden. Ein bewährtes Konzept für jede Lebenslage
also, und je nach gewünschter Wasserdichtheit konnten die Elemente Glas,
Mittelteil und Boden entsprechend verstärkt, sprich vergrössert
werden. Einzige Limitierung: Die Grösse der Uhr, die selbst in Zeiten des Grössenwahns irgendwann eine natürliche (Handgelenks-)Grenze
erreicht.
Im Falle der Rolex Deepsea galt es, bei möglichst zivilen Massen ein Maximum an Dichtheit zu
erreichen. Und das scheint geglückt: Die am 30.4.08 zum Patent
angemeldete Lösung namens „Ringlock“ (EP 1916576A1) verteilt den Druck unter Wasser optimal um (respektive neu) auf verschiedene
Elemente: Das über 5mm dicke, bombierte (endlich!) Saphirglas ruht nicht etwa
klassisch auf dem Stahl-Gehäuse (904L), sondern auf einem Kompressions-Innenring aus
Stahl (Biodur 108), der in Kombination mit dem über 3mm
dicken Gehäuseboden (Titan Grade 5) und dessen Haltering (Stahl 904L)
einen Grossteil des Drucks vom umliegenden Gehäuse nimmt (im Prinzip die
Perfektionierung des alten, eingepressten Sea-Dweller Rehauts - nur hier bis runter
zum Gehäuseboden). Das Resultat: Das Aussen-Gehäuse
muss „nur“ den flächenmässig verkleinerten Druck aufnehmen,
während die Innenkonstruktion den Löwenanteil der Kräfte stemmt.
Diese nicht nur
werbetechnisch clevere Konstruktion des Gehäuses in Kombination mit
unterschiedlich harten respektive biegfähigen Werkstoffen führt dazu,
dass die Sea-Dweller Deepsea offiziell und mit Garantie bis 3900 Meter
Tiefe wasserdicht bleibt, und zudem über eine „Reserve“ bis knapp 4900 Meter
verfügt (das von der französischen Comex für die Deepsea entwickelte
Prüfgerät geht genau genommen bis 4875 Meter). In jedem Fall bedeutet es aber, dass die Deepsea
in ihrem Geburtsjahr die
wasserdichteste mechanische Uhr in Serienfertigung darstellte. Und
berücksichtigt man dabei, dass dies mit vergleichsweise moderaten 43mm
Durchmesser und knapp 18mm Bauhöhe gelungen ist, kann man eigentlich nur eines: den Hut ziehen.
Eine weitere Neuheit
findet sich in Form der Schliesse – die starre Konstruktion einer herkömmlichen
Tauchverlängerung am Stahlband führt normalerweise dazu, dass die Uhr a)
nur knapp über einen Neoprenanzug passt und b) nicht mehr satt sitzt,
wenn sich in unterschiedlichen Tiefen der Handgelenksumfang verändert.
Rolex hat mit der als Glidelock bezeichneten Schliesse nun à la
Marinemaster eine Konstruktion aus
der Schublade gezaubert, die sich immerhin variabel in zehn
1.8mm-Schritten auf 18mm Länge ausziehen lässt (das mit dem
Zurückschieben geht dann aber nur bei geöffneter Sicherheitsschliesse
und Arretierung - eher nicht empfehlenswert unter Wasser). In
Kombination mit der bewährten Fliplock-Schliesse kann nun ein
stattlicher Bereich abgedeckt werden – definitiv genug Verlängerung, um den grössten Teil der
Taucher zufrieden zu stellen.
Dass sowohl Schliesse als auch Band (ebenfalls 904L) nun gänzlich massiv
gefertigt sind, hat funktional keinerlei Vorteile, wertet die Uhr aber
nochmals auf (und sollte definitiv all jene Kritiker besänftigen, die
bislang über die etwas klapprige, aber zuverlässige Vorgängerin geflucht
haben).
Eine weitere optische
Veränderung betrifft die Lünette, die mehr Schutz vor Ausbleichen
und Kratzern bieten soll: Bei der neu
entwickelten Keramik-Einlage
hat Rolex seine jüngere Materialwahl (GMT-Master II) auch hier konsequent weitergezogen:
Im Vergleich zur traditionellen Aluminium-Einlage sicher ein optischer
Schritt nach vorne, gleichzeitig aber auch ein potentiell schmerzhafter
Posten auf der Ersatzteilliste, sollte die Rolex-intern mit Cerachrom
bezeichnete Einlage wider Erwarten doch mal brechen oder verkratzen… nichtsdestotrotz:
Optisch und haptisch ist die in 120 Schritten drehbare, Kugel-gefederte Lünette mehr als
eine Wucht, und dank der durchgehenden Minuteneinteilung dürfte nun auch
die Normen-Fraktion zufrieden sein. Die eingefrästen Markierungen sind
übrigens allesamt mit einer Platinbeschichtung ausgeführt.
Deepsea
Während die Deep- resp. eben Tiefsee eigentlich schon ab 800 Meter unter
dem Meeresspiegel beginnt, spricht man bei der Region von 1000 bis 4000
Metern Tiefe vom sogenannten Bathypelagial – hier herrscht bei völliger
Abwesenheit von Licht ein rund 400mal höherer Druck als an der
Oberfläche, und die Temperatur nähert sich so langsam aber sicher dem
Gefrierpunkt. Sollten Sie also jemals beim Small-Talk auf Ihre Uhr
angesprochen werden, wissen Sie nun, was sie (im Vergleich zu Ihnen)
auszuhalten vermag.
Kein angenehmer, aber ein ungemein
faszinierender Ort also, den Rolex als maximale Reisedestination seines
jüngsten Tauchermodells erkoren hat: Mit einer offiziell garantierten
Wasserdichtheit von 3900 Metern ist die Weiterentwicklung der
Sea-Dweller nicht nur die in diesem Bereich widerstandsfähigste
seriengefertigte Taucheruhr mit mechanischem Werk (zumindest in ihrem
Geburtsjahr 2008), sie führt auch die
Tradition der ursprünglichen Deepsea
von Rolex weiter: Die im Jahr 1952 angeschobene Entwicklung einer Uhr
für die grössten Tiefen dieses Planeten mündete in der legendären
Rolex Deep-Sea Special (mehr
dazu hier) – der ersten und nach
wie vor einzigen Uhr, die auf die tatsächliche Tiefe von 10916 Meter
gekommen ist. Und vergleicht man deren Bauweise mit der aktuellen
Deepsea, ist man froh, dass es nur bei der verdienten namentlichen
Verwandtschaft geblieben ist.
Somit bildet die Sea-Dweller Deepsea
nichts Anderes, als die vollendete Summe aller Rolex-typischen Elemente:
einmalige Historie und
praxistaugliche Innovation gepaart mit der geglückten Evolution eines der wohl etabliertesten Uhrendesigns überhaupt.
Oder mit anderen Worten: Die Uhr ist durch und durch eine Sea-Dweller
der nächsten Generation.
Unabhängig davon, ob man die Uhr (oder
den Hersteller) nun mag oder nicht: Die Deepsea ist ein ebenso
bemerkenswerter wie beachtlicher Technologieträger, der auf
beeindruckende Art und Weise demonstriert, dass Rolex auch heute noch
(oder wieder) in der Lage ist, nicht nur punkto Bekanntheit den Takt
anzugeben. Dass die Uhr polarisiert, liegt in der Natur der Sache: Keine
Rolex, die nicht unweigerlich zu hitzigen Diskussionen führt, und auch
mit der Deepsea wird man problemlos einen gehörigen Krieg zwischen den
Lagern auslösen.
Nichtsdestotrotz sollte genügend Objektivität vorhanden sein, um
anzuerkennen, dass derzeit kein anderes Produkt in dieser Perfektion zu
leisten vermag, was eine mechanische Taucheruhr eben ausmacht: Ein
Uhrwerk möglichst zuverlässig vor Wasser zu schützen - auch wenn die
gebotene Tiefe natürlich mehr ideellen denn praktischen Nutzen bietet.
Werksführung
Mit dem hauseigenen Kaliber 3135 von Rolex sollte aber selbst jenen
gedient sein, die nebst Hülle auch die inneren Werte einer Uhr zu
schätzen wissen: Das für Zuverlässigkeit und Langlebigkeit berühmte
COSC-zertifizierte Inhouse-Werk muss an dieser Stelle weder gross
vorgestellt, noch beurteilt werden.
Mit einem Vorbehalt: Das mechanische Herz der Sea-Dweller
wurde zwischenzeitlich ebenfalls weiterentwickelt: die blaue Parachrom-Spirale kommt nun
auch in der hier vorgestellten Ref. 116660 zum Einsatz. - Mit welchem
Effekt, bleibt abzuwarten.
Einen anderen
Effekt kann man aber schon jetzt beschreiben:
Lobgesang auf eine
Skulptu(h)r
Mit ihrer Mischung aus hochglanzpoliertem Äusseren, dem matten
Zifferblatt, der glatten Keramik-Lünette und dem fast schon nahtlos
eingepassten Saphirglas dürfte kaum eine Stahl-Rolex so augenscheinlich
auffällig sein wie die Deepsea. Je nach Lichteinfall präsentiert sich
hier ein ganzes Spektrum an Stimmungen zwischen Anthrazit und Schwarz, das den Betrachter nicht so
schnell wieder loslassen wird.
Die Haptik ist nicht nur für Rolex-Verhältnisse
überdurchschnittlich, und der (mit etwas zu grossen Spaltmassen
montierte) Drehring lässt sich (etwas zu leichtgängig) auf eine Weise
bewegen, die wenig mit dem zu tun hat, was man bislang in Händen halten
konnte. Die Schliesse ist eine Klasse für sich und die gesamte
Verarbeitung durchs Band weg auf einem Niveau, das man sich von einer
Sportuhr dieser Klasse erhofft hatte. Und selbst bei rund 200g Gewicht
lässt sich mit der Uhr sehr bequem ein Handgelenk krönen.
Kurz gesagt: Mit einer bislang
seltenen Kombination aus Hightech und Klassik hat es Rolex beneidenswert
gut geschafft, eine Uhr zu kreieren, die es wahrlich versteht, wieder aus der
Masse ihrer Nachahmer herauszuragen.
Aber bei aller Faszination und
Respekt gibt es natürlich auch ein paar Schattenseiten,
die hier erwähnt werden sollen:
Genug Lesestoff für den Abstieg
Jacques Piccard und Don Walsh benötigten für ihre
Tauchfahrt mit der Trieste (und
somit der Deep-Sea Special) 4
Stunden und 43 Minuten, um auf Rekordtiefe von 10916m zu kommen. Und
vermutlich wären sie nicht abgeneigt gewesen, schon damals
die aktuelle Deepsea mit an Bord gehabt zu haben: Mit (von oben nach
unten) „Original Gas Escape Valve
Oyster Perpetual Date Deepsea Sea-Dweller 12800ft = 3900m Superlative
Chronometer Officially Certified Swiss Made Ring Lock System“ hat es Rolex
nämlich tatsächlich geschafft, die Zifferblattseite der Uhr mit einem
Text zu ver(un)zieren, der exakt fünfmal so lang ist, wie Hemingway für
seine kürzeste Geschichte benötigte. Und auch wenn nie ganz
geklärt werden kann, in welchem Tiefenrausch sich der verantwortliche
Designer befunden haben muss, so kann vermutlich einstimmig geurteilt
werden, dass das so nicht nötig gewesen wäre.
Immerhin: Im Vergleich zu Nahaufnahmen
präsentiert sich die Bleiwüste in der Realität bedeutend weniger
schlimm, auch wenn die Bezeichnung „Original Gas Valve“ wohl in jedem
Habitat sinnbefreit bleiben wird.
Weiter geht's: Das mit 21mm beim
Bandanstoss schon eher schmale Band (98210) hätte durchaus etwas breiter zur
Schliesse hin ausfallen können – auch wenn sich die ganze Sache in der Realität
ebenfalls viel weniger schlimm erweist als auf Bildern, ein bisserl mehr
hätte es ruhig sein dürfen (obschon dann der Tragekomfort
mit grösster Wahrscheinlichkeit gelitten hätte). Weniger hätte hingegen den Bandanstössen nicht
geschadet: Weshalb diese etwas über die Oberkante der Hörner herausragen
müssen, bleibt eindeutig unerklärlich.
Die Box – auch wenn hochwertig
ausgeführt – ist in etwa das Unpassendste, was je mit einer Taucheruhr
ausgeliefert wurde. Hier wurde eine grosse und vielleicht auch letzte Chance vertan, der Deepsea
eine gehörige Portion ernstgemeinter Tool-Attribute mitzugeben, die man
mit dem Pflichtenheft zum Ziel hatte.
Vergleicht man das Ganze mit der Mitgift der
alten Sea-Dweller, kann man
Schraubenzieher & Co. wirklich nur noch nachtrauern.
Immerhin, wegen der
Box wird sich niemand für oder gegen einen Kauf entscheiden.
Aber genug
Dampf abgelassen:
Hoch oder runter?
Etwas weniger klar wird’s mit dem Urteil beim Heliumventil (resp. dem
original Gas-Ventil): Im Prinzip
und besonders angesichts der konstruktiven Leistung bei der Uhr
ist dieses Feature schon lange überflüssig geworden. Andrerseits gehört
genau dieses Element historisch eben unbedingt an eine Sea-Dweller.
Gemischte Gefühle auch bei der Grösse:
Mit 43mm ist die Uhr zwar nach wie vor im tragbaren Bereich,
nichtsdestotrotz gewinnt die Deepsea u.a. auch in Kombination mit knapp 18mm
Höhe nochmals massiv an Präsenz,
die nur noch wenig mit der alten Toolwatch zu tun hat. Aber eben: Käufer
eines Supersportwagens sollten sich nachher auch nicht über einen zu
kleinen Kofferraum beklagen... Somit wird auch in diesem Punkt der interessierte Leser nicht drumrum kommen, sein eigenes Urteil in
freier Wildbahn zu fällen.
Der Blick
in die Kristallkugel
Wer jetzt das Gefühl hat, die Sache mit der freien Wildbahn könnte sich
ähnlich schwierig gestalten, wie ein Tauchgang mit einem Walhai, kann
aufatmen: Auch wenn der Fachhandel nicht genug betonen kann, wie lange
sich die Wartelisten derzeit gestalten würden, ist die Verfügbarkeit
seit Auslieferungsstart im September 2008 relativ
schnell auf ein erträgliches Mass gestiegen.
Einerseits
"dank" der sich abkühlenden Wirtschaftslage, andrerseits weil hier dann
doch ein Grössen- und Preislevel erreicht wurde, das den Kreis
potentieller Käufer und Spekulanten eher einschränkt. Insofern dürfte es
spannend werden, wie sich die Zukunft der Deepsea gestalten wird: Als
Massenhersteller hat Rolex hier (wie gewohnt) ein Sea-Dweller-Modell im Sortiment, das von Natur aus
nicht unbedingt zum Massenartikel taugt.
Gleichzeitig dürfte damit aber
immerhin gewährleistet sein, dass die Deepsea auch noch die nächsten 50 Jahre im
Programm bleibt - sei es alleine schon, um die Entwicklungskosten irgendwann
wieder
reinzuholen...
Die Wiederherstellung der
natürlichen Unterwasserweltordnung
Wirft man einen Blick auf die vergangenen 56 Jahre in der
Geschichte der Taucheruhr, so
können die beiden Modelle von
Blancpain und Rolex zweifellos als Anfang und Spitze der Evolution
bezeichnet werden. Beide Modelle wurden in schier unendlicher Vielfalt
interpretiert oder kopiert. Und beide haben das Feld viel zu lange der
Konkurrenz überlassen.
Nun scheint es, sei die natürliche Ordnung
definitiv wieder
hergestellt: Blancpains 2007 lancierte
50 Fathoms nimmt hierbei die Rolle der zeitlos klassischen Ikone ein
(die Schöne), während sich die 2008 lancierte Sea-Dweller nun wieder den verdienten
Führungsplatz im Bereich Extrem-Technologie zurückgeholt hat (das
Biest).
Dass sich in dieser fast schon
perfekten Koexistenz mittlerweile beide auf einem preislichen Niveau
befinden, das herzlich wenig mit der Kaufkraft oder dem Verwendungszweck
der ursprünglichen Zielgruppe zu tun hat, ist hierbei wohl eher auf
einen generellen, schmerzhaften Trend der hiesigen Uhrenindustrie zurückzuführen, als
auf den jeweiligen Einzelfall.
Vergleicht man die Sea-Dweller Deepsea
indes mit anderen Extrem-Uhren, wird man feststellen, dass sich
die Rolex selbst bei rund 50% Preisaufschlag (dafür über 200% erhöhter Tiefenangabe)
im Vergleich zur
kleinen Schwester noch relativ
fair verhält. Und was man definitiv nicht ignorieren kann: Es ist immer
noch die weltweit bedeutendste Marke im
Luxussegment, es ist immer noch eines der dankbarsten Dreizeiger-Werke im
Markt, und es ist definitiv eine, wenn nicht sogar die innovativste
praktikable
Lösung für Extrem-Tiefen, bei der nun auch die Details mehrheitlich
stimmen. Dennoch ist sie in ihrem Wesen unverkennbar eine Sea-Dweller
geblieben.
Fazit
Es gibt überraschend wenige Gründe, die gegen ein Treffen mit der Deepsea in freier Wildbahn sprechen.
Und wer sich selbst in Zeiten einer
erneuten Wirtschaftskrise rund 200 Gramm puren Luxus gönnen kann und
möchte, dürfte mit der fast ausnahmslos gelungenen Reinkarnation eines
absoluten Klassikers vermutlich besser bedient sein, als bei manch
anderer Taucheruhren-Neuheit der letzten und kommenden Jahre.
Und gerade zum Untertauchen bis zum
nächsten Aufschwung könnte das Biest aus Genf die perfekte Begleiterin
sein - ausser natürlich, der Untergetauchte lege Wert auf maximale
Diskretion… |
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Nach rund drei Jahren Entwicklungszeit tat Rolex
im Jahr 2008 genau das, was eigentlich
niemand erwartete: Die Präsentation einer radikal
überarbeiteten Version der Sea-Dweller. Aber nicht
nur das: Die "Sea-Dweller Deepsea" sollte mit 3900
Meter Wasserdichtheit auch gleich den momentanen
Tiefenrekord brechen. Kurz gesagt: Mit
der Deepsea hat sich das Unternehmen zum 100-Jahr-Jubiläum
des Markennamens ein weiteres Denkmal
gesetzt. |
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Während die Deepsea zur Zeit ihrer Lancierung parallel zur regulären Sea-Dweller
geführt wird (diese aber im Katalog 2008 nicht
mehr auftaucht), hat sie mit ihrer
kleinen
Schwester nur wenig gemein: 43mm
Durchmesser, eine völlig neue Gehäusekonstruktion
und 50% mehr Preis... |
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...hinzu kommt eine erstmals bläuliche
SL-Leuchtmasse... |
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...sowie ein durchgehend massives Stahlband mit
einer überarbeiteten Schliesse: Die
Glidelock-Konstruktion (rechts, ausgeklappt) ermöglicht das stufenlose
Herausziehen/Verlängern in zehn Fixations-Schritten; in Kombination mit
der klassischen Fliplock-Verlängerung (links) stehen so
über 40mm mehr Umfang variabel bereit. Definitiv
eine brillante Lösung, auch wenn die Deepsea
aufgrund ihres Preises nur selten den eigentlichen
Verwendungszweck als Taucheruhr erfüllen dürfte. |
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Erstmals verwendete Rolex beim Gehäuseboden einer
Uhr Titan - der Boden wird durch den zusätzlichen
Stahlring fixiert, und in Kombination mit
Innenring und Glas wird der Druck unter Wasser so
bis mind. 390 bar optimal verteilt resp. vom
äusseren Gehäuse umgelenkt. Dieses als Ringlock
bezeichnete Patentanmeldung ermöglichte eine relative
moderate Uhrengrösse mit beachtlichem Tiefgang. |
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Beim Gehäuse und Band setzte Rolex auf 904L-Stahl,
von dem man sich eine bessere Beständigkeit
gegenüber Salzwasser verspricht. Die Oberseiten
sind mattiert, während die Flanken
hochglanzpoliert ausgeführt wurden. Etwas unschön:
die leicht überstehenden Bandanstösse. Ebenfalls
unschön (aber erst später sichtbar): Kratzer
werden sich bei soviel Fläche kaum vermeiden
lassen. |
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Die etwas leichtgängige Lünette rastet satt in 120 Schritten, erstmals
wurde bei einer Sea-Dweller anstatt Aluminium- auf eine Keramik-Einlage
mit durchgehender Minuteneinteilung
gesetzt. |
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Bei allem berechtigten Stolz auf die
Leistungsmerkmale der Uhr: Der Umgang mit Text auf
der Frontseite darf getrost als unnötig exzessiv
bezeichnet werden (und mit insgesamt 14 sichtbaren
Rolex-Schriftzügen und 9 -Kronen kann man auch
gleich von Logomanie sprechen). Nichtsdestotrotz: In der Praxis
erweist sich der Zifferblattroman als bedeutend
weniger störend. |
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Man soll ja niemanden nach seinem Äusseren
beurteilen, aber die für die Deepsea vorgesehene
elegante Box darf man eher als unpassend
bezeichnen. |
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Das traditionelle, wenn auch nicht mehr zwingend
notwendige Merkmal jeder Sea-Dweller: Das
integrierte Heliumventil bei 9 Uhr, das in
Kooperation und auf Anregung von Comex entstand
und in den 70er-Jahren zur Lancierung der
Ur-Sea-Dweller führte. |
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Der Stahl-Innenring des Ringlock-Systems trägt u.a.
die Rolex-Gravur auf der Innenseite |
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Das dicke, nicht entspiegelte Saphirglas führt im
Wasser wie erwartet relativ schnell zu reduzierter
Ablesbarkeit |
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Die Deepsea macht das, was die meisten Uhren von
Rolex gut können: Sie polarisiert. Für viele ist
sie zu gross, zu hoch, zu teuer, zu laut, zu plump
usw. während andere darin einzig die logische
Weiterentwicklung des Modells sehen. |
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Mit der Uhr ist natürlich auch die Triplock-Krone
angewachsen, was durchaus zu mehr Komfort bei der
Bedienung führte.
Aber: Zum Einsatz wird sie vermutlich selten
kommen. Denn so schnell abziehen
wird man die Uhr vermutlich nicht, wenn man ihr
die Chance zu einem Treffen in freier Wildbahn
gibt... |
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DATEN
Hersteller: Rolex
Modell: Oyster Perpetual Sea-Dweller DEEPSEA
Referenz-Nummer: 116660
Lancierungsjahr: 2008
Funktion: Sekunden-, Minuten-, Stunden- und
Datums-Anzeige
Gehäuse: Edelstahl (904L), Gehäuseboden aus Titan
(Grad 5), fixiert durch einen Edelstahlring,
integriertes Heliumventil bei 9 Uhr aus Edelstahl
(aktiviert ab 2.5 Bar Differenz zwischen Gehäuse-Innen- und -Aussendruck), patentierte dreiteilige
Gehäusekonstruktion „Ring Lock“, verschraubte
Triplock-Krone
Zifferblatt: Schwarz (matt) mit aufgesetzten
Stunden-Indexen (Weissgold), blaue SL-Leuchtmasse
Gehäuse-Durchmesser: 43mm
Gehäuse-Höhe: 17.68mm
Gewicht (inkl. sämtlicher Bandglieder): ca. 220g
Wasserdichtheit: 3900 Meter
Glas: bombiertes Saphirglas (ca. 5.5mm), nicht entspiegelt
Drehring: einseitig rastender Stahlring (120
Schritte) mit schwarzer Keramik-Einlage (Cerachrom),
auf drei gefederten Kugeln geführt,
Leuchtmarkierung hinter Spahirglas
Werk: Rolex Kal. 3135, COSC-zertifiziert,
automatischer Aufzug, ca. 48h bis 55h Gangautonomie,
blaue Parachrom-Spirale, 28.5mm Durchmesser, 6mm Höhe, 28‘800 A/h,
31 Rubine
Band: Edelstahl (904L) massive Bandglieder,
Fliplock-Verlängerung, zus. Glidelock-Schliesse
(Verlängerungssystem, erweiterbar in 1.8mm Schritten auf max. 18mm)
Bandanstossbreite: 21mm
Lieferumfang: Box, Überkarton, Garantie-Broschüre, Garantiekarte und
-Mappe, Anleitung
Preis (2008): CHF 9700.- / EUR 7100.- |
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