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Die Sache mit der Schraube
Sandoz Typhoon 1000M (Ref. 1745Z-84-5)
Sie zählt unbestritten
zu den Kandidaten regelmässig auftauchender 70er-Jahre Brocken, die ihr
Geheimnis oder ihre Geschichte nur zögerlich preisgeben: Die Typhoon von Sandoz. Einerseits
ist da alleine schon die Tatsache, dass es sich um eine punkto Form und
Bauweise unübliche Uhr handelt, andrerseits verfügt sie über eine
Besonderheit, die man sonst sehr selten sieht: Eine dezentral platzierte
Schraube auf der Rückseite des Monocoque-Gehäuses.
Aber beginnen wir den
wenigen Einzelheiten, die bekannt sind:
Die Geschichte des
Namens Sandoz in der Uhrenindustrie reicht zurück bis ins Jahr 1870 und
ist bestimmt – wie so oft in eben dieser Industrie – durch konstanten
Wandel. Oder etwas ungeschminkter: Heute trifft man den Markennamen
Sandoz praktisch nur noch als Schriftzug eher preiswerter Uhren im
Einstiegssegment an, eine nahtlose Verknüpfung mit der reichen Historie
ist weder spür- noch feststellbar.
Die hier vorgestellte,
als "Automatic Super Diving Watch" angepriesene, Extrem-Taucheruhr nimmt in der damaligen wie heutigen Kollektion optisch
und inhaltlich eher eine Exotenrolle ein: Sandoz zählte damals wie heute
nicht zu den Herstellern, die sich im Bereich eigenständiger
Taucheruhren einen grossen Namen gemacht hatten (obschon von Sandoz um
1963/64 eine der ersten bis 1000 Meter dichten Uhren angeboten wurde). Und so überrascht es ein
klein wenig, dass gerade aus diesem Haus ein solcher Brocken auf den
Markt kam: Optisch orientiert sich die laut Hersteller anfangs 70er-Jahre erhältliche Typhoon sehr nahe an den militärisch verwurzelten Benrus-/Marathon-Uhren
– sie ist mit 43 mm grösser, massiver und natürlich für bedeutend mehr
Tiefe ausgelegt: 1000 Meter Wasserdichtheit waren für damalige
Verhältnisse an der obersten Grenze und Einschalen-Gehäuse sowieso eher
selten. Und gerade hier liegt ihr grosses Geheimnis: Die
dezentral platzierte Schraube auf der Gehäuse-Rückseite.
Einerseits könnte sie –
laut Aussage eines Uhrmachers – das Werk von hinten fixieren. Diese
Aussage (ohne den Uhrmacher der Lüge bezichtigen zu wollen) irritiert,
handelte es sich doch um eine Funktion, die normalerweise dem
Werkhaltering vorbehalten ist, da eine Schraube, die in die Platine
greift, entweder nach einem Mikrorotor- oder Handaufzugswerk verlangt,
in jedem Fall aber nach viel Platz auf der Platine. Da nun aber ein
Automatikwerk FHF 905 verbaut ist, ist es praktisch nicht
möglich, dass diese Zusage zutrifft – da das erwähnte, eher seltene
Konzept eines Mikrorotor-Werks sich darin nicht finden lässt. Und als Werk mit zentralem Rotor wäre
es in der Funktion des Aufzugs schlichtweg
nicht in der Lage, seine Aufgabe zu erfüllen.
Bleibt also als
weitere plausiblere Erklärung die eines sehr frühen Heliumventils. Wobei
„Ventil“ natürlich etwas übertrieben wäre.
Wenn dies nun
tatsächlich zutrifft, so handelt es sich bei der laut
Hersteller-Auskunft „um 1970 produzierten“ Typhoon (hier irritiert dann
jedoch die gravierte Zahl "1982" auf dem hier gezeigten Modell,
in Tat und Wahrheit ist es aber eine fortlaufende Nummer, was wiederum
Irritation punkto Auskunft Auflage hervorruft) um eine der ersten
Uhren überhaupt, die sich dem Thema Helium-Auslass angenommen hätte. Sie
könnte damit in einem Atemzug mit Doxa (Conquistador) und Rolex (Sea-Dweller)
genannt werden, die beide etwas früher erste funktionsfähige Ventile auf
den Markt brachten, ohne jedoch an die 1000 Meter Wasserdichtheit der
Typhoon heranzukommen. Seiko und Omega befassten sich zeitgleich
ebenfalls mit dieser Problematik, lösten aber die Sache anders: Die
Gehäuse entsprechender Uhren (ebenfalls bis 1000 Meter wasserdicht)
waren so stabil ausgelegt, dass Heliumventile erst gar nicht notwendig
wurden.
Die Patent-Datenbank
schweigt dazu: Entweder, weil die mysteriöse Schraube nicht unter diesem
Verwendungszweck patentiert, oder die Konstruktion nicht von Sandoz,
sondern einem weiteren, bislang unbekannten Hersteller oder findigen
Geist erfunden wurde.
Eine dritte, bedeutend
profanere Theorie könnte die Entriegelung der Aufzugswelle betreffen:
Ein Rausdrehen der Schraube entkoppelt die Welle vom Werk.
Und eine vierte Theorie
stammt von den heutigen Besitzern des Markennamens selbst: Die mit der
Schraube verschlossene Öffnung diente somit als Einlass für Luft - diese
wurde in das Gehäuse gepumpt, um das Plexiglas herauszudrücken.
Spannend
an dieser plausiblen Erklärung: Die Sandoz Typhoon hätte als überaus rares, wenn
nicht einmaliges Exemplar eine dedizierte Vorrichtung für einen
Vorgang, der normalerweise via Krone durchgeführt wird. Und gerade
angesichts des Glases stellt sich die Frage, wie die Krone mit diesem
Prozess umgeht.
Wer auch immer recht
hat: Entweder ist das Glas eher ungewöhnlich fixiert, und/oder die Uhr verfügt über ein sehr frühes
Konzept eines Helium-Auslasses - gewollt oder ungewollt. Die Theorien sind isoliert wie auch
kombiniert bis zu einem gewissen Grad denkbar und machen die Uhr zu
einem würdigen Jagdobjekt auf der Liste der historisch besitzenswerten
Taucheruhren. Gleichzeitig wird einmal mehr klar, wie schwierig es
heutzutage sein kann, verlässliche Informationen zu alten Uhren zu
kriegen - leider.
Aber zurück zu den Fakten: Ebenfalls erwähnenswert
ist das überaus dicke Glas der Typhoon: Während man bei Omega
beispielsweise bereits
mit Saphirglas arbeitete, stülpte man der Typhoon noch ein Plexiglas
vors Zifferblatt, das aufgrund der hohen Anforderungen an die
Gehäuse-Dichtheit fast schon halbkugelförmig ausfiel.
Apropos Zifferblatt: Es
hat von der Typhoon mindestens drei Zifferblattvarianten gegeben: Eine
orange wie auch eine graue (hier gezeigte) mit den markanten,
aufgedruckten 12- und 6-Uhr-Indexen sowie
eine elegantere graue Version mit – im Vergleich zum gezeigten Modell –
aufgesetzten Indexen. In jedem Fall kam Tritium als Leuchtmasse zum Einsatz.
Eine weitere Variante dieser Uhr findet sich baugleich unter dem
Markennamen "Betina".
Laut Markeninhaber gab
es ebenfalls noch eine grüne und schwarze Zifferblattversion sowie eine
Werk-Variante mit Tag-/Datumsanzeige (Ref. 1745Z- 84-8, Werk FHF 908).
Die hier gezeigte Variante mit Datum wurde mit einem FHF 905 (Fabrique d'Horlogerie de Fontainemelon SA) ausgestattet.
Wer jetzt selbst auf
den Geschmack gekommen ist: In der Regel
präsentieren sich die meisten der heute noch auffindbaren Modelle mit
Zifferblättern/Zeigern in miserablem Zustand. Ebenfalls ist der
ursprünglich polierte, in den gravierten Vertiefungen schwarz bedruckte
Drehring meist ziemlich abgeschliffen und ohne Farbe anzutreffen. Hier
muss der Interessierte Käufer selbst entscheiden, wie gross seine
Leidensfähigkeit bei einem Restaurationsversuch ist: Bei – erneut laut
Hersteller – einer Gesamtauflage von 1000 produzierten Uhren und
(Eigenaussage Verfasser) bewegter Firmengeschichte ist die
Ersatzteilsituation heute eher schlecht.
Oder – um diesen
Artikel zumindest vorerst doch noch abzuschliessen: Wer diese nicht allzu
seltene und i.d.R. nicht allzu teure Uhr nicht im Top-Zustand kauft, bei
dem dürfte eine winzige Schraube mit bekanntem Zweck ein bisschen locker sein.
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DATEN
Modell: Ref. 1745Z-84-5, Sandoz Typhoon
Produktionszeitraum: unbekannt
Masse: ca. 43 mm Durchmesser, 16 mm Höhe
Gewicht: ca. 90 g
Drehring: überstehender, einseitig drehbarer Edelstahl-Ring mit
eingravierter und schwarz bedruckter Markierung, 60er Rastung
Band: unbekannt, 20 mm Bandanstossbreite
Zifferblatt: schwarzes, grünes, graues oder oranges Zifferblatt mit aufgedruckten
Indexen, Tritium-beschichtet; ebenfalls mindestens noch eine graue
Variante mit aufgesetzten Indexen erhältlich
Krone: Verschraubt
Glas: gewölbtes Plexiglas, bis ca. 5 mm hoch
Wasserdichtheit: 1000 Meter
Werk: Automatik, FHF 905, Datum-Schnellschaltung, 21'600 A/h, 25
Rubine, Incabloc-Stosssicherung, 25.6 mm Durchmesser
Funktion: Stunden, Minuten, Sekunden, Datum
Besonderheit: Dezentral platzierte Schraube auf Rückseite des
Einschalen-Gehäuses
Damaliger Preis: unbekannt |
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